Erziehung zum gesunden, freien Jungen

Jungs sind voller Leben, wollen sich behaupten, ihre Stärken erproben und ihre Ziele und Visionen umsetzen. Was brauchen sie für eine gesunde Entwicklung, die sie ermächtigt, mit einer grossen Portion Selbstvertrauen und Lebensenergie ins Leben hinauszugehen?

Von Siegfried Selcho und Ralph Studer

Viele Menschen denken, gesunde Jungs erleben keine Herausforderungen. Sie wachsen wie das Gemüse im Garten und das einzige, was sie brauchen, ist regelmässiges Giessen. Diese Annahme ist falsch. Denn jeder Junge steht am Beginn seines Lebens vor der Aufgabe, sein einzigartiges Leben zu entwickeln. Das ist mit der Herausforderung verbunden, seine Stärken zu entfalten. Aber auch mit der Herausforderung, Schwächen und Begrenzungen in das Leben zu integrieren. Dafür brauchen Jungs Hilfe.

Da der Mensch im Bereich seiner Gaben nur am Du zum Ich werden kann, besteht Hilfe zur Integration von Stärken und Schwächen immer aus Beziehungen. Aber auch Beziehungen sind herausfordernd. Denn im Prozess des Wachstums beschränkt sich Beziehung nicht nur auf Zuwendung. Beziehungen fordern auch zum Leben heraus. So kann kein Junge in seinen Stärken wachsen, wenn er nicht herausgefordert wird, seine Komfortzone zu verlassen. Und Schwächen und Begrenzungen können nur durch die Herausforderung zum Loslassen und zur Trauer integriert und angenommen werden.

Drei identitätsstiftende Fragen

Die Herausforderung Stärke entwickeln und Schwäche akzeptieren

Herausforderungen sind Jungs in die Wiege gelegt. Denn hormonell und genetisch ist ihr Körper auf Kraft angelegt. Daher beinhalten die meisten Spiele von Jungs Kraft und Konkurrenz, was schnell zur Herausforderung führt, die eigene Kraft und Stärke zu entfalten und Geschick und Gaben zu entwickeln. Genauso schnell werden Jungs in diesen Spielen aber konfrontiert, mit Niederlagen und Schwächen umzugehen. Für den Jungen ist daher der Umgang mit seinen Stärken und Schwächen die erste identitätsstiftende Frage.

Der Stolz auf die eigene Gabe

Der Mensch kann ein inneres Bewusstsein für seine Gabe aber nur entwickeln, wenn er von anderen, v.a. von den Eltern, gespiegelt wird. So hat ein Kind keine stark umrissene Wahrnehmung von sich als Person. Solche Wahrnehmungen sind erst Kindern jenseits des 14. Lebensjahres möglich. Im Kindesalter dagegen braucht es die „Augen des Anderen“. Der Junge, der sich v.a. durch sein Handeln verwirklicht, braucht ein klares Feedback, dass er mit seinem Tun in den „Augen eines Anderen“ ok ist. Erhält er dieses Feedback nicht, kann er nicht zur Ruhe kommen oder verfällt in Bezug auf seine junge männliche Identität in Passivität und Hilflosigkeit. Wie man sich in den Augen eines Anderen wahrnimmt, kann für den Jungen daher entweder zur Geburtsstunde seines Selbstbewusstseins werden oder eine Beschämung, gegen die er narzisstisch oder hilflos ein Leben lang ankämpft. Daher ist die zweite wichtige Frage des Jungen: „Ich bin stolz auf meine Gabe! Wie findest du sie?“

Hilf mir, meine Grenzen zu akzeptieren!

Da der Massstab im Leben eines Jungen Kraft und Stärke ist und er diese besonders dort erleben kann, wo er in Konkurrenz zu anderen Jungs gehen kann, wird er schnell mit seinen Grenzen konfrontiert. Diese rühren aber am Selbstbewusstsein und bringen Schmerz und Bedrohung mit sich. Letztlich kann der Junge diesen Abgrund nur überwinden, wenn sich andere seinem Schmerz zuwenden und verstehen, dass das verlorene Spiel seinen Weltuntergang bedeutet. Erst wenn er spürt, dass sich ein Erwachsener, hier v.a. der Vater, zu ihm stellt, kann er Hoffnung schöpfen, seine Grenzen integrieren und zu seiner Kraft finden. Dazu müssen Vater und Mutter sich aber auf die identitätsstiftende Bitte des Jungen einlassen: Hilf mir meine Grenzen zu akzeptieren, damit ich nicht an mir selbst verzweifle!

Der Rhythmus des gesunden Lebens

Dort, wo sich Eltern auf die identitätsstiftenden Herausforderungen eines Jungen einlassen, verwirklichen sie ganz unbewusst einen Rhythmus des gesunden Lebens. Nehmen wir eine alltägliche Situation: Es ist Kindergeburtstag. Weil alle Jungs gerne Fussball spielen, wünscht sich das Geburtstagskind vom Vater die Veranstaltung eines kleinen Fussballturniers. Natürlich rechnet das Geburtstagskind, dass es am Ende als strahlender Sieger vom Platz geht. Das Spiel läuft aber anders. Das Geburtstagskind gehört zur Mannschaft der Verlierer. Zudem ist in der Gruppe der Sieger ein Junge, der das Geburtskind verlacht und ihn auf seine Schwächen hinweist. Abends, beim Zubettbringen, ist der Vater nun also mit einem Jungen konfrontiert, der in seinen Tränen badet, mit seiner Schwäche ringt und dem die Kränkung durch jenen einen Jungen besonders nachhängt. Wie durchschreitet ein Vater nun den Rhythmus des gesunden Lebens?

Schritt 1: Das Nach-Hause-Kommen

Der Rhythmus des gesunden Lebens beginnt dort, wo Jungs mit ihren Siegen und Niederlagen einfach nach Hause kommen dürfen. Nach Hause kommen meint: Der Junge darf ankommen und die innere Welt und das innere Erleben des Jungen werden akzeptiert. Natürlich braucht es dazu von Seiten des Vaters eine grosse Einfühlung. So wird ein Vater, der seinem Jungen ein emotionales Zuhause bereitet, am Abend eines aufregenden Geburtstags fragen: „Wie geht es dir?“ Ein gesunder Junge, der weiss, dass im Herzen seines Vaters Raum für seine Nöte ist, wird daraufhin relativ schnell auf die schmerzende Niederlage zu sprechen kommen. Entweder selbst oder durch das einfühlsame Nachfragen des Vaters. Das ist der Zeitpunkt, an dem der Junge zögernd, stammelnd, weinend, wütend oder sonst wie von seiner Erschütterung erzählt. Übrigens, das Stammeln des Jungen ist nicht in einer Scham begründet, nicht über die Ergebnisse erzählen zu wollen. Es hat mit der Schwierigkeit zu tun, über Emotionales zu sprechen. In diesem ersten Schritt hört der Vater einfach zu, fragt nach, lässt Chaotisches einfach stehen, denn er weiss: Der Junge muss mit seiner ganzen angesammelten Emotionalität erst einmal beim Vater ankommen.

Schritt 2: Verstehen

Je länger der Junge erzählt, desto mehr offenbart sich das emotionale Chaos, das sich in ihm angesammelt hat. Der Vater nimmt Sätze wahr, die den Konflikt des Jungen kennzeichnen, markiert meist durch Aussagen wie: „Nie mehr werde ich Fussball spielen, denn ich verliere ja immer!“ Oder: „Nie mehr werde ich den Freund einladen, nie mehr werde ich mit ihm sprechen, denn er verlacht mich!“ Väter und Mütter können dem Jungen ein Verstehen seines Konflikts nahebringen, wenn sie zwei Dinge im Blick haben: das emotionale Chaos des Jungen und seinen Konflikt mit der Realität. Eltern müssen das emotionale Chaos verstehen, damit sie ihn überhaupt ernst nehmen. Nur wer das Leben eines Jungen ernst nimmt und erkennt, dass sich Jungs über Stärke definieren und Schwäche als grosse Infragestellung ihrer Person verstehen, kann sich wirklich einfühlen. Man muss sich beim Zuhören die Frage beantworten: Mit welcher Realität kommt mein Junge nicht zurecht? Im Beispiel kommt der Junge nicht damit zurecht, dass man ein Fussballturnier verlieren kann. Und er glaubt, dass wenn man von jemand verlacht wird, man in den Augen des anderen nichts mehr wert ist. Auf beide Konflikte gilt es nun einzugehen.

Schritt 3: Trost, Disziplinierung der Wahrnehmung und Hoffnung

Hat der Vater dem Jungen genügend Raum gegeben, um von seinem Schmerz zu erzählen, ist schon viel von der Emotion des Jungen abgeflossen. Dafür braucht der Junge einen Trost, der ihm vermittelt, dass der Vater weiss, wie schlimm alles für ihn ist. Väter brauchen dazu nur ihre Augen und eine Handvoll Worte, die dem Jungen sagen: „Ja, es ist so schlimm, was du erlebt hast!“, „Ja, das war wirklich hart, an deinem Geburtstag auf der Seite der Verlierer zu stehen!“ Hat sich dann der Junge beruhigt, kann der Vater mit der Disziplinierung der Wahrnehmung beginnen. Was ist damit gemeint? Ein Junge, der eine Niederlage einstecken musste, befindet sich in seiner Selbstwahrnehmung an einem vernichtenden Tiefpunkt. Mit den Sätzen „nie wieder“, „immer verliere ich“, „ich rede nie mehr mit dem“ zeigt der Junge diesen Tiefpunkt. Es gibt viele Väter – weniger oft Mütter –, die solche Sätze vom Tisch wischen, als würden sie nichts bedeuten. Sie überhören, dass der Junge sagt: „Bitte versteh, ich kann gerade nicht mehr an mich und meine Stärke glauben“. Oder: „Ich kann der anderen Person, die mich beleidigt hat, nie mehr vertrauen. Ich habe Angst, von ihr nur als Schwächling gesehen zu werden.“ Aus Niederlagen kann ein Vater seinen Jungen meist dadurch herausführen, indem er seinen Blick auf das lenkt, was gut gelaufen ist. Dazu muss er den Jungen aber förmlich disziplinieren, auf das Gute zu schauen und es mit eigenen Worten zu beschreiben. Bei wortkargen Jungs kann der Vater auch helfen. Erst danach ist es für den Jungen möglich, auch seine Schwächen anzuschauen. In Bezug auf Beziehungskonflikte ist es ein wenig schwerer. Hier reicht es oft nicht, wenn man den Blick auf positive Aspekte der Beziehung richtet. Der Junge muss meist zu selbstbehauptendem Handeln ermutigt werden. Die Disziplinierung hat immer das Ziel, ihm vor Augen zu führen: Die Welt besteht nicht in einem Augenblick aus Siegen und im anderen aus Niederlagen. Genauso wenig bestehen Freundschaften nur aus Sonnentagen. Manchmal gibt es auch Regen und trotzdem verliert man nicht gleich sein Selbstbewusstsein, wenn man verlacht oder kritisiert wird. Ist diese Differenzierung erreicht, dann kann der nächste Schritt eingeleitet werden.

Schritt 4: Verstrickung und Verantwortlichkeit

In der Niederlage sagen Jungs gern, dass andere schuld sind, die Umstände nicht ideal waren etc. In Beziehungen dagegen handeln sie oft nach dem Prinzip Alles oder Nichts. Entweder du bist für oder gegen mich. Will man den Jungen aber zur Reife führen, dann muss die Verstrickung im Jungen aufgelöst und die Verantwortlichkeit geklärt werden. In Bezug auf die Niederlage beim Fussball weiss unser Junge jetzt, dass sein „nie“ und „immer“ nicht stimmt. Er sieht sich nun seinen Stärken und Schwächen gegenüber. Damit der Junge aber tatsächlich wieder zu sich findet, muss er die Verantwortung für seine Schwäche übernehmen und der Vater muss mit ihm verhandeln, wie er aus der im Spiel aufgetretenen Schwäche eine Stärke machen kann. Oder er muss ihm beibringen, wie er eine objektiv erreichte Grenze integrieren kann. Denn wenn ein Junge ein guter Verteidiger ist, muss er akzeptieren, dass er vielleicht kein guter Torschütze ist und der Sturm nicht der Ort, an dem er sein Talent finden kann. Verantwortung übernehmen heisst daher: Ich muss ja sagen zu meinen Schwächen, damit ich meine Stärken ausbauen kann. Es heisst aber auch: Ich muss aufhören, die Schuld auf andere zu schieben oder auf Umstände, und meine Aufgabe erkennen. In Bezug auf die Beziehung ist der nächste Schritt schwieriger. Denn Vater und Sohn müssen jetzt zwei Dinge klären: Wo hat der Freund den Finger in eine Wunde und Schwäche des Jungen gelegt und wo hat er ihn ohne Grund verletzt? Väter sollten sich hüten, jedes Verlachen schnell als kindlichen Streit abzutun. Denn für den Jungen ist es wichtig, mit realer Kritik umzugehen. Wichtig ist auch die Erkenntnis, wo jemand zurecht etwas kritisiert, auch wenn er es vielleicht auf eine falsche Weise tut. Spätestens hier wird nun die Verstrickung beleuchtet. Denn oft finden auch wir als Erwachsene eine Kritik von anderen einfach nur „blöd“, wehren sie ab, ohne uns nach der Wahrheit darin zu fragen. Vielleicht kommt beim Gespräch zwischen Vater und Sohn raus, dass der Freund zwar gelacht hat, aber dass er auch etwas Substanzielles kritisiert hat, etwa: „Du hast an der ganz falschen Position gespielt! Du bist kein guter Stürmer!“ Damit wäre klar: Der Freund hat nicht die ganze Person des Jungen, sondern ein bestimmtes Handeln ausgelacht und sagt ihm eigentlich: „Du bist talentiert, nur nicht im Sturm!“

Schritt 5: Selbstbehauptung

Nun liegen die Dinge auf dem Tisch: Stärken und Schwächen. Der Sohn erkennt, was das Lachen des Freundes, mit dem er nie mehr ein Wort wechseln will, wirklich gemeint hat und muss nun eine Entscheidung fällen: Wie will ich mit der Wahrheit umgehen? Will ich zurückfallen und die Wunde lecken oder will ich mich für meine Stärken und Schwächen verantwortlich zeigen? Natürlich ist es immer einfacher, sich zu bedauern. Das aber wird ein guter Vater nicht zulassen. Denn er hat die gesunde Identität seines Jungen im Blick und will, dass er in gesunder Weise das Leben meistert. Daher wird er ihn zu dem motivieren, was wir Selbstbehauptung nennen. Selbstbehauptung ist ein Verhalten, das dem Menschen hilft, sich ganz und gar der Wahrheit zu stellen, seine Verantwortung zu übernehmen, sich von falschen Verantwortungen und Verstrickungen zu lösen und einen Schritt nach vorn, ins Leben hinein, zu machen. Dazu braucht der Junge aber das Vorbild des Vaters. Ein gesunder Vater, der etwas von der ordnenden Kraft der Selbstbehauptung in seinem eigenen Leben verstanden hat, wird unserem Jungen vielleicht Folgendes sagen: „Sag dir einfach: Ich darf meine Stärke als Abwehrspieler finden! Ich habe aber auch das Recht, Fehler zu machen, denn dadurch habe ich erkannt, wo ich stark bin!“ In Bezug auf den Freund könnte der Vater als Selbstbehauptung vorschlagen: „Nach allem, was du erkannt hast, darfst du zu deinem Freund doch sagen: Du hast recht, ich habe an der falschen Position gespielt. Aber: Du brauchst mich deshalb nicht vor anderen auszulachen!“ Auch wenn in diesem Text Selbstbehauptung sehr wortlastig ausgedrückt ist, so hat es weniger mit Worten zu tun als vielmehr mit der Mobilisierung von Kraft. Die Atmosphäre zwischen Vater und Sohn sollte daher von Ermutigung geprägt sein, von Aufbruch und von aggressiver Freude, das Leben zu erproben!

Schritt 6: Der Schritt ins Leben

Die Selbstbehauptung darf nicht zu Hause bleiben. Damit muss der Junge nun hinaus: ins Fussballtraining oder in die Beziehung zum Freund. Daher ist es wichtig, ihn beim Training oder Fussballspiel zu besuchen, um ihm Rückmeldung geben zu können. Manchmal ist es auch wichtig, einen Termin zu setzen, v.a. wenn es um die heikle Klärung von Beziehungen geht. Ein Vater darf ruhig sagen: „Du klärst das mit deinem Freund bis Ende der Woche, dann berichtest du mir.“

Annahme und Liebe

Ist ein Konflikt sortiert und der Junge ins Leben gesandt, kommt er am Ende wieder nach Hause. Dort wird er wieder unsortiert erzählen, braucht wieder das Verstehen und die Disziplinierung seiner Wahrnehmung durch die Eltern. Dort muss er wieder zwischen seiner Verantwortung und der Verantwortung anderer unterscheiden, um selbstbehauptend die Welt zu erobern, Siege und Niederlagen zu erleben, die er dann wieder nach Hause trägt. Der Junge lernt, welchen tiefen Wert Beziehung haben, was es heisst, wenn einer die Last des anderen trägt, und in ihm wächst die Gewissheit, dass man immer und mit allem nach Hause zurückkehren kann: sich sortieren, ermahnen, ausrichten lassen, aber auch gestärkt werden und hinausgesendet werden in die Welt.

Der Artikel erschien im Magazin „Zukunft CH“ (Ausgabe 5/2020). Die Ausgabe des Magazins kann kostenfrei bestellt werden: Bestellformular

Quelle: https://www.zukunft-ch.ch/erziehung-zum-gesunden-freien-jungen/