Bis zum 23. Dezember 2025 konnten sich Kantone, Parteien, Verbände und Bürger im Rahmen der Vernehmlassung zum direkten Gegenentwurf des Ständerats zur Neutralitätsinitiative äussern. Die historische Erfahrung zeigt jedoch klar: Der Gegenvorschlag schwächt – die Initiative stärkt die Neutralität und damit die Schweiz.
Von Ralph Studer
Die Debatte um die Neutralität wird heute so emotional geführt wie selten zuvor. Zwischen jenen, die an der bewährten, traditionellen Neutralität festhalten wollen, und jenen, die sie als überholt betrachten und eine stärkere Annäherung an die NATO fordern, öffnet sich ein tiefer Graben. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Die Neutralität ist kein Relikt, sondern ein tragendes Fundament der Schweizer Staatlichkeit – und sie steht heute unter erheblichem Druck.
Neutralität ist nicht bloss ein aussenpolitisches Instrument, sondern ein Ordnungsprinzip, das die Schweiz über Jahrhunderte geprägt hat. Sie ist ein Erfolgsmodell, das Stabilität geschaffen hat, wo andere Länder von Konflikten erschüttert wurden. Und gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick zurück – ein Blick, der uns daran erinnert, wie viel auf dem Spiel steht.
Die historische Kraft der Schweizer Neutralität
Über Jahrhunderte war die Neutralität entscheidend für die Stabilität und Unabhängigkeit der Schweiz. Schon früh zeigte sich, dass eine unparteiische Haltung nach innen wie nach aussen stabilisierend wirkt. Der ehemalige Botschafter Paul Widmer bringt es prägnant auf den Punkt: «Seit die UNO existiert, gab es mehr als 100 internationale Konflikte. Jeder davon ist eine Legitimierung unseres neutralen Staates.»
Vom 17. Jahrhundert über den Wiener Kongress bis in die Weltkriege hinein bewahrte die Neutralität die Schweiz vor kriegerischen Verwicklungen. Doch ihre Wurzeln reichen noch weiter zurück: Seit der Niederlage bei Marignano 1515 entwickelte sich Schritt für Schritt eine Haltung der Zurückhaltung und des «Stillesitzens», die nicht nur die Aussenpolitik prägte, sondern auch half, innere Konflikte zu vermeiden. Diese Einsicht hat sich tief ins politische Selbstverständnis eingegraben.
Die Neutralität ermöglichte gute Dienste, stärkte die innere Kohäsion und schuf Vertrauen im Ausland. Die historische Entwicklung zeigt klar: Die Neutralität ist nicht zufällig entstanden, sondern gewachsen — und sie hat sich als bewährte Maxime der Schweizer Aussenpolitik etabliert.
Wie die Neutralität die Schweiz über Jahrhunderte schützte
Die Geschichte der Schweiz ist reich an Momenten, in denen die Neutralität nicht nur ein diplomatisches Prinzip war, sondern ein Schutzschild. Sie bewahrte das Land davor, in die Machtpolitik der Grossmächte hineingezogen zu werden, und sie ermöglichte es, als Vermittlerin aufzutreten, wenn andere Staaten längst verfeindet waren.
Diese Rolle war nie selbstverständlich. Sie beruhte auf Glaubwürdigkeit – einer Glaubwürdigkeit, die man sich über Generationen erarbeitet hat. Die Schweiz war verlässlich und berechenbar. Genau diese Eigenschaften machten sie zu einem Ort, an dem Konfliktparteien miteinander sprechen konnten.
Die gefährliche Erfahrung der „differenziellen Neutralität“
Ein besonders lehrreiches Kapitel ist die Zwischenkriegszeit. Damals versuchte die Schweiz, eine abgeschwächte Form der Neutralität zu leben und die Wirtschaftssanktionen des Völkerbunds mitzutragen. Die Folgen waren ernüchternd. Bundesrat Giuseppe Motta, einer der prägenden Aussenpolitiker jener Zeit, zog 1937 eine klare Bilanz: «Nach Ansicht des Bundesrats muss die Eidgenossenschaft ohne Zögern klar zum Ausdruck bringen, dass sie sich nicht mit einer differenziellen Neutralität zufriedengeben kann, sondern dass diese gemäss ihrer jahrhundertealten Tradition vollumfänglich sein muss.»
Die Schweiz geriet damals in ein Spannungsfeld zwischen internationalen Erwartungen und nationalen Interessen – ein Dilemma, das sie 1938 zur Rückkehr zur integralen Neutralität zwang. Diese historische Erfahrung ist heute aktueller denn je. Denn erneut steht die Schweiz vor der Frage, ob sie ihre Neutralität verwässern oder konsequent schützen will.
Die aktuelle Lage: Ein bedenklicher Kurswechsel
Heute zeigt sich eine Entwicklung, die viele als alarmierend empfinden. Die Schweiz übernimmt EU‑Sanktionen „tel quel“, ohne deren Auswirkungen auf die eigene Glaubwürdigkeit und sicherheitspolitische Position ausreichend zu reflektieren. Gleichzeitig rückt sie politisch und militärisch näher an die NATO heran – ein Bündnis, das längst nicht mehr nur defensiv agiert (vgl. u.a. das völkerrechtswidrige Eingreifen in den Jugoslawienkrieg in den 90er-Jahren).
Die Konsequenzen wären gravierend. Die Schweiz verliert ihre Rolle als glaubwürdige Vermittlerin, wenn sie nicht mehr als neutral wahrgenommen wird. Weder die USA noch Russland betrachten sie derzeit als wirklich neutral. Und wer sich einem Militärbündnis annähert, muss sich bewusst sein, wohin dieser Weg führt. Dies bedeutet – konsequent zu Ende gedacht, dass wir vom Neutralen zur Kriegspartei werden.
Diese Entwicklung hätte weitreichende Folgen. Sie würde bedeuten, dass unsere Kinder, unsere Söhne in den Krieg ziehen müssten. Die Frage, die sich unausweichlich stellt, ist von bedrückender Klarheit: Wer übernimmt eines Tages die Verantwortung, wenn die ersten Schweizer Soldaten von den Kriegsplätzen in Särgen in die Schweiz zurückkommen? Wer wird dafür geradestehen?
Das sind keine theoretischen Überlegungen. Das sind Fragen, die man sich stellen muss, bevor man historische Grundsätze preisgibt.
Neutralität als Kern der Schweizer Identität
Neutralität ist weit mehr als ein aussenpolitisches Instrument. Sie ist – wie Föderalismus, direkte Demokratie und Mehrsprachigkeit – ein konstituierendes Element der Schweizer Staatsordnung. Sie begrenzt Macht, schützt Minderheiten und stärkt die politische Stabilität.
Neutralität bedeutet nicht Rückzug. Die Schweiz ist international vernetzt, engagiert und präsent – aber ohne Machtpolitik und ohne militärische Blockbildung. Gerade diese Kombination aus Offenheit und Zurückhaltung hat die Schweiz über Jahrzehnte zu einem verlässlichen Partner gemacht.
Widmer bringt es auf den Punkt, was die Schweiz, ihr Selbstverständnis und ihr Handeln ausmacht: «Unser Ziel ist die grösstmögliche Freiheit des Bürgers.» Diese Freiheit steht auf dem Spiel, wenn die Neutralität preisgegeben wird.
Warum der Gegenvorschlag des Ständerats abzulehnen ist
Der direkte Gegenvorschlag streicht zentrale Elemente der Initiative – insbesondere das Verbot eines Beitritts zu Militärbündnissen und das Verbot nichtmilitärischer Zwangsmassnahmen gegen kriegführende Staaten. Damit öffnet er die Tür zu einer schleichenden NATO‑Annäherung und legitimiert die Übernahme von Sanktionen, die nicht im Schweizer Interesse liegen.
Die Folgen wären weitreichend:
- Die Schweiz verliert ihre Rolle als glaubwürdige Vermittlerin.
- Sie wird zunehmend als Partei wahrgenommen.
- Ihre sicherheitspolitische Unabhängigkeit wird geschwächt.
Deshalb führt der Gegenvorschlag die Schweiz weg von ihrer bewährten Neutralität – und damit weg von einem der wichtigsten Erfolgsmodelle ihrer Geschichte.
Fazit: Die Neutralität stärken – nicht verwässern
Die historische Erfahrung zeigt klar: Die Neutralität war stets ein Garant für Frieden, Stabilität und internationale Glaubwürdigkeit. Darum gilt heute:
- Die Neutralitätsinitiative stärkt die bewährte Neutralität.
- Der Gegenvorschlag schwächt sie und ist abzulehnen.
- Die Schweiz muss künftig völkerrechtswidrige Sanktionen ablehnen.
Nur so kann die Schweiz ihre Rolle als Vermittlerin bewahren und weiterhin zum Frieden beitragen – zum Wohl der Menschen, die unter Krieg und Unruhen leiden.
Ein leicht angepasster Artikel erschien unlängst bei Hoch2TV: https://hoch2.tv/beitrag/die-schweizer-neutralitaet-kein-relikt-sondern-lebensversicherung/

